24h Rennen Nürburgring Juni 2006

2006 fuhr ich meine vierte Saison im sog. Langstreckenpokal auf der Nordschleife, die Echte-Männer-Rennstrecke rund um die Nürburg; obendrein bemerkt die größte Amateur-Motorsport-Meisterschaft der Welt. Highlight der Saison ist das 24h-Rennen; nebenbei bemerkt das zweitgrößte 24h-Rennen der Welt nach Le Mans. Weiterführende Links finden sich bei meinen Empfehlungen unter "Racing" - Dieses Jahr gings mit der ersten eigenen Autoentwicklung an den Start, einen aktuellen Ford Mustang mit Biodieselmotor. 6 Gang 260 PS und Heckantrieb. Deshalb Eigenentwicklung, weil es den Mustang gar nicht mit Dieselantrieb gibt. Darüberhinaus haben wir statt Kohlefaser im Auto jede Menge Biofaser verbaut. Wen das technische interessiert, dem sei die Seite meines Rennstalls FourMotors empfohlen. Die Neuentwicklung führte zu enormen technischen Schwierigkeiten im Laufe der Saison und deshalb kann ich natuerlich vorwegnehmen, dass es bei diesem Tagebuch nicht zu einem Happy-End kommt ;-)


Willkommen am Ring. Vierundzwanzig Stunden Rennen. Da ist vor allem äußerstes Durchhaltevermögen gefragt. Und das bedeutet, früh ins Bett. In meinem kleinen eiflerischen Pensionszimmerchen.


Zack. Wecker um sechs. Seltsam. Obwohl theoretisch gut und tief geschlafen, fühle ich mich doch sehr unterbrochen. Was man nicht sehen kann, sind meine Gedanken über den Sinn der sportrechtlichen Pflichtveranstaltung "Fahrerbesprechung" im Rahmen eines Cups, der ohnehin ständig immer auf der selben Strecke stattfindet.


230 Fahrzeuge sind gemeldet. Im Schnitt sind drei Piloten auf einem Flitzer, also rund 700 unausgeschlafene Mann. Ich bin also nicht alleine. Ich werde heute mal nach einem Schlaflaboranten suchen um meine Nachtruhe zu analysieren.


Das Morgentraining beginnt mit einer Überraschung. Unsere Airbox des Turboladers hat eine gebrochene Schweissnaht. Das ist natürlich doof, denn so entweicht ein Teil der erhitzten Luft und strömt ins Freie statt in den Motor. Zudem sinkt der Luftdruck im vergaser, gibt also weniger Gas. Wir müssen die Box ersetzen mit einem Serienbehälter, der an die Elektronik leider andere Werte als unsere programmierung gibt. Trotz dieses Elektronikproblems fahren wir unsere Trainingsrunden.


Und wenn die Karre dann mal geht, dann geht sie ganz schön. Ich bin der Ansicht, dass da weit mehr als 250Ps zerren und das Porsche-Fahrwerk fährt sich traumhaft. Das diebische Grinsen geht uns nicht aus dem Gesicht.


Auch hier ist sehr schön zu sehen, dass mir der neue Wagen echt saugut gefällt. Wenn wir das Ding erstmal über die Rennen hinweg optimieren werden wir bald ein hoffentlich siegreiches Auto haben.


Die Airbox, die Elektronik und viele andere Sachen, die sich im Laufe des Trainings ergeben haben, werden in einem ausufernden Briefing besprochen. Der Wagen ist zum ersten Mal im Rennbetrieb und wir sind uns im klaren, dass wir während des 24h-Rennens viel zu reparieren haben. Das Ziel hiess "ankommen". Natürlich hatten wir den Motor auf dem Prüfstand und das Auto zum Testen auf einer Strecke; die war aber leider nicht die Nordschleife und diese legendäre Märchenwald-Strecke verlangt vom Auto doch
noch eiiiiniges mehr ab, als die üblichen glatten Tourenwagen-Arenen.


Der große Tag. Alles in heller Aufregung. Hundertausende Fans am Ring. Toll. Mein Kollege Thomas D ist endlich mal live am Start (sonst hat er wohl Manschetten, wa) und berichtet für PSP-TV. Ick freu mir.


Der Mustang erregt Aufsehen. Ein echter Hingucker. Und noch dazu steht dieses Auto mit der SteveMcQueen-US-Spritschlucker-Attitude (Us-Schauspieler, der in den 60ern ebenfalls Rennfahrer war und der den Autostar Ford Mustang im grandiosen Streifen "Bullit" fuhr) im schönen Gegensatz zu unserer Bioidee mit Biodiesel und Biofaser (statt Kohlefaser). Wobei die Vermählung aus Pop- und Motorsportkultur durch mich ja hoffentlich gewährleistet ist. Dementsprechend hat man noch nicht mal kurz vor Start seine Ruhe vor den Medien. Nicht mal unbeobachtet SMS-lesen ist drin.


Eine Minute vor Einführungsrunde. Ein letzter Schluck aus der Dose und die Zähne
geknirscht. matthias, der Motorexperte zeigt ein letztes Grinsen.


Anderthalb Stunden lang gings ab. Tolles Auto. Schönes Tempo. Aber dann ging Runde für Runde die Power zurück. In minimalen Schritten, aber spürbar. Weil es weder in der Öl- noch in der Wassertemperatur noch im Ladedruck verdächtig aussah, bin ich weitergefahren. Plötzlich macht es derbe "Pang" und der Motor ist aus. Ich denke, die Kardanwelle hats abgerissen und rolle raus an den Posten "Breitscheid". Dort empfängt mich eine freundliche Streckenposten-Truppe, lädt mich bis zum Eintreffen meiner Crew in ihr Zelt auf Kaffee, und Erdberkuchen mit Schlagsahne und zum WM-Gucken ein. Natürlich bin ich gerade rechtzeitig zum Start des Rennens in LeMans eingetroffen. Also bei einer solchen Betreuung macht das Ausfallen richtig Spass.


Am Haken gehts mit dem Rössle an die Box zur Reparatur. Unsere tolle Elektronik rettet uns ja vor Motorschäden. Deshalb gehen wir davon aus, dass wir die Kiste bald wieder auf der Strecke haben.


Und mit Optimismus gehts ans Abendessen. Die Nachtfahrten übernehmen die Kollegen. Also gibts gegen das Adrenalin einen Rotwein und ein leichtes Abendessen. Morgen früh gehts weiter.


Tatsächlich sind Schlaflaboranten vor Ort und messen die Schlafaktivitäten diverser Fahrer. Auch ich habe mich zum Verdrahten gemeldet und werde mit diesem Strippengeflecht rund ums Gehirn nach dem Zähneputzen schlafen. Gute Nacht.


Morgens um Fünf erfahre ich vom Ausfall unseres Teams. Krude Worte "Technischer Defekt". Ich bin frustriert und fühle mich unausgeschlafen. Obwohl die Telemetriedaten das Gegenteil behaupten. Tief geschlafen und auch geträumt. Also Top-Erholungs-Kombination.


Vor Ort an der Strecke: Fehleranalyse. Also: Der Krümmer hatte ein Loch, daher der Leistungsverlust. Das wurde geschweisst und war ok. Dann wurde festgestellt, dass der "Pang"-Schlag nicht die Kardanwelle sondern die sog. "Geberscheibe" war, die es aufgrund der Nordschleifebodenwellen von der Welle gefetzt hat. Diese Scheibe dreht sich und liefert einer Elektronik damit die Drehzahl der Kardanwelle. Abgefetzt gab es keine Daten und die Elektronik hat den Motor abgestellt. Die nächste Geberscheibe war in Ludwigshafen: 3.5h Fahrt hin und zurück. Scheibe eingebaut und dann ging der Wagen immer noch nicht. Lange Fehlersuche und dann wurde im Kraftstofffilter verdickter Treibstoff gefunden. Ein absolutes Rätsel. Wir mussten aufgeben. Motor auseinanderbauen, spülen, zusammenbauen und dann losrasen geht nicht ohne Testen und Prüfstand. Auf diesem Bild wird der Biotreibstoff "verköstigt". Proben aus den Tanks und verschiedenen Motorstellen. Tage später stellt sich heraus, dass wir eine chemische Reaktion mit dem sog. Deta-Schaum im Tank hatten. Eine Schutzausschäumung gegen Explosionsgefahr im Unfall-Fall. Der war schlecht zusammengestellt. Also so einen kuriosen Fehler hatte ich noch gehabt. Man lernt nie aus. Trotz allem gab es Respekt von den Konkurrenten aus allen Ecken. Das Auto ist schön, die Idee auch und wie heisst es so schön, wenn es nicht so läuft wie gedacht (was ja meistens der Fall ist): "That's Racing".


Rückblickende Anmerkung, nach Ablauf der Saison (Nov 06):
Die Treibstoff- und Elektronikprobleme haben wir im Laufe der kommenden Rennen dann endlich in den Griff bekommen. Allerdings hat der Krümmer über die gesamte Saison immer wieder Probleme gemacht. Da muss ein ganz ganz anderes Teil, denn darin wirds heiss und mit Biodiesel noch heisser (>1200 Grad) und 270PS verursachen obendrein ziemliche Vibrationen und deshalb muss da etwas extraordinäres eingebaut werden. Im Winter wird der Wagen getestet und hoffentlich gibts dann im nächsten Jahr an dieser Stelle nur noch Erfolgsnachrichten.


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